Besuchsdienst aus der Sicht des Hundes

           IHMBS ihmbs-logo-frei-300   

                       Institut Hund-Mensch-Beziehung Sachsen

Besuchsdienst aus der Sicht des Hundes

von Dipl. Psychologin Ines Neuhof

 

Legen Sie sich auf dem Fußboden flach auf den Bauch. Wenn Sie Halter eines Jack Russel Terriers, eines Dackels, eines Yorkshire Terriers sind, legen Sie das Kinn auf den Fußboden und schauen Sie nach vorn. Schauen Sie sich um, aber halten Sie das Kinn auf dem Fußboden. Wenn Sie einen größeren Hund haben, beugen Sie so lange den Oberkörper nach oben, bis sie auf Augenhöhe sind. Jetzt stellen Sie sich bitte vor, Sie sind in einem Altenheim und tauchen in die Welt des Hundes ein. Der Fußboden unter Ihnen ist glatt und riecht nach Desinfektionsmitteln. Sie riechen gegebenenfalls Rückstände vom Frühstück, die zwar sauber weggewischt wurden, aber die Duftmoleküle schweben noch an Ort und Stelle, vermischen sich mit dem Geruch des Wischwassers und des Linoleums.

Vor Ihnen sind Beine. Viele Beine. Manche reglos in gepolsterten Schuhen, manche dick umwickelt. Sie riechen Salben, Jodtinktur, Gazestoff, Waschmittel, Deo, Seife, Körperlotion, die Ausdünstungen von Medikamenten. Sie riechen Schmerzen, Angst, Krankheit und darunter mischen sich einige Endorphinmoleküle. Diese Geruchswahrnehmungen explodieren in Ihrem Kopf zu einem wahnsinnigen Gesamteindruck, denn Sie sind jetzt ein Hund und nehmen die Welt olfaktorisch, also geruchlich wahr.

Die Senioren, zu den die Beinpaare gehören, sind aufgeregt. Oder ängstlich. Um sie herum hören sie eine Kakophonie von Geräuschen. Es werden Menschen auf Stühlen mit Rädern herumgefahren, das Gummi der Räder quietscht auf dem glatten Untergrund. Sie hören Stimmen, im Raum und auch außerhalb des Raumes. Sie hören fremde Menschen rufen, lachen, jammern, schreien, flüstern. Bedenken Sie, Sie sind immer noch auf Knöchelhöhe und Sie können nicht abschätzen, was als nächstes passiert. Sie wollen weg. Sie tragen eine Weste, riechen den Stoff und das Plastik mit dem das Wort Therapiehund aufgedruckt ist. Diese Weste tragen Sie sonst nicht, Sie kennen das Gefühl im Alltag nicht. Aber hier tragen Sie das immer. Es wird zum Kennzeichen für diesen Ort.

Hoch oben über Ihnen ist Ihr Mensch, Ihre Bezugsperson. Die hält Sie an einer Leine, so dass Sie sich nur in einem geringen Radius bewegen können. Sie gehen in Richtung Tür, weil Sie riechen, Ihr Mensch riecht nach Stress, unterschwellig zwar aber für Sie gut wahrnehmbar.

Unter den wahrgenommenen Geruch in dieser Situation mischt sich der angenehme Geruch nach Würstchen und Keksen. Okay, das ist was angenehmes, aber im Moment ist Essen nicht hauptsächlich. Ihr Mensch spricht sie an, die Stimme klingt anders. Angespannter. Mitkommen sollen sie, säuselt ihr Mensch. Der Wurstgeruch wird stärker, ah, die Wiener werden ausgepackt. Sie folgen ihrem Menschen, weil sie nicht wissen, wohin sie sonst laufen sollen. Zum Ausgang, zum Auto, auf die Wiese, nach Hause. Das wäre ihnen lieber. Aber ihr Mensch läuft vom Ausgang weg auf das erste Beinpaar zu. Sie nehmen Kontakt auf mit dem ersten Salben-Medikamenten-Endorphingeruch und bemerken einen Schatten, der sich über sie beugt. Steife Hände streichen ihnen über den Kopf, sie vernehmen ein paar freundliche Worte. Eine Hand greift nach der Wurst und hält sie über ihrem Kopf. Zu hoch. Sie richten sich auf, ihre Hände stützen sich auf den umwickelten Knien ab und sie werden jäh am Halsband oder Brustgeschirr zurückgerissen. Ihr Mensch schimpft. Warum eigentlich? Sie schauen stirnrunzelnd fragend auf und hören, wie jemand in einem freundlichen Ton sagt: „Ach, wie süß der schaut“. Es gibt Wurst. Na gut, irgendwas war daran jetzt gut. Weiter geht es. Der nächste Seifengeruch mit Jodtinktur bewegt sich nicht, schaut ihnen aber tief in die Augen. Die Augen sind riesig, verstärkt durch das Glasgestell auf der Nase. Sie haben Angst, denn so angestarrt zu werden, das wissen sie von anderen Hunden, das heißt, dass sie jemand im Visier hat.

 

Die Empfindungen des Hundes in einem solchen Sitzkreis könnten noch ewig weiter beschrieben werden. Wenn man sich in die Lage des Hundes versetzt, würde man sich ernsthaft wünschen, sein Halter würde erkennen, wenn sie irgendwo einfach nur weg wollen, wenn es ihnen zu viel wird. Vergessen Sie nicht, sprechen können sie nicht. Sie verfügen nur über ein Repertoire von Verhaltensweisen ihrer Art, der des Caniden. Stellen Sie sich weiter vor, wie Sie irgendwann handeln würden. Nach Hans Seyle, einem Endokrinologen, der in den 50ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Stress untersucht hat, folgt auf die Alarmbereitschaft ihres Körpers im Verlauf Resignation, Erschöpfung. Aber das Stresserleben kennt neben der Fluchtreaktion auch noch eine andere: den Fight. Je nach Lerngeschichte reagieren Hunde individuell in stressigen Situationen unterschiedlich. Über Flucht und deeskalierendem Verhalten (Freeze – das Erstarren: Human interpretiert: oh, der ist aber lieb, der hält so still; Fiddle about: Gähnen und Strecken - oh, bist du müde? Die Wurst schmeckt dir aber, wenn du dir das Maul so leckst. Der Hund bietet Beschwichtigungsgesten an bis hin zur Eskalation, dem Kampf). In ihrer biologischen Ausstattung ist vorgesehen, dass sie zunächst alles mögliche versuchen, unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen. Aber wenn das auf Dauer nie funktioniert und das keiner erkennen will, ja, irgendwann platzt es aus ihnen heraus. Sie schreien, sie wollen sich losreißen. Wird auch das ignoriert, werden sie auf ihre jeweilige Art irgendwann ihr Wohl-ergehen verteidigen. Wie das bei Hunden aussieht, das wissen wir. Wobei unsere Vierbeiner auch hier noch verwarnen. Sie knurren, sie zeigen die Zähne und runzeln die Haut auf dem Nasenrücken, sie drohen. Hilft das alles nicht, schnappen sie verwarnend. Hilft auch das nicht, dann fassen sie zu.

Natürlich kann man lernen, sehr früh zu erkennen, wann der Hund in einem solchen Einsatz Marker für Unwohlsein zeigt. Aber man muss es lernen. Kaum jemand versteht das instinktiv.
Natürlich kann man das Setting für einen Einsatz eines Hundes im sozialen Bereich auch so gestalten, dass das Stresslevel niedrig ist. Aber auch das muss man lernen. Lernen über Trail und Error – Versuch und Irrtum – hilft dem Hund nicht. Denn ein Hund, der in seinen Einsätzen freudig und positiv stimuliert arbeiten soll, wird dies nicht aus einer aversiven Ausgangslage heraus tun.

Oft berichten Hundeführer nach solchen Einsätzen, der Hund sei müde. Oder er dreht danach richtig auf. Aber stellen sie sich vor, sie waren bei einem unangenehmen Vorstellungsgespräch, in einer zähen Sitzung, bei einem Gerichtstermin oder sie hatten einen anstrengenden Behördentermin. Einige sacken vs. sinken geschafft auf dem Sofa zusammen und schlafen kaputt vs. sofort ein. Andere stürzen sich in eine Shopping Mall und lenken sich ab. Wieder andere powern sich beim Joggen aus. Die Stressenergie zirkuliert im Körper und muss verarbeitet werden.

Die Wirkungen von Hunden auf Menschen sind gut belegt. In Fachkreisen spricht man von Wirkmechanismen, die auf verschiedensten Ebenen greifen. Die physiologische Ebene, von der Reduktion der Herzfrequenz über Beruhigung bis hin zur Aktivierung. Die psychologische Ebene, Akzeptanz, Anerkennung, Selbstwirksamkeitserwartungen. Die motivationale Ebene, Lust auf Bewegung, Lust auf Gespräche. Die kognitive Ebene, sich mit etwas beschäftigen, Fragen stellen, Anregung und die Freude an der Beobachtung. Aber dürfen wir den Belangen der Menschen die Belange des Hundes unterordnen? Kann man einen solchen Einsatz des Hundes nicht so gestalten, dass am Ende eine win-win Situation entsteht? Ja, man kann. Wenn man weiß, wie man es richtig angeht.

Warum, werden Sie sich fragen, warum sollte der Hund denn Stress beim Hundeführer wahrnehmen? Der möchte doch diese Situation, sucht sie gezielt auf. Der Motivation vieler Menschen, die Hunde in den sozialen Einsatz mitnehmen steht oft Unwissen gegenüber, was sie denn nun genau mit den Patienten tun sollen. Für einen menschlichen Laien ist die Konfrontation mit 20 Senioren im Stuhlkreis ebenso eine Stresssituation. Es ist für eine Nichtfachkraft kaum absehbar, wie der jeweilige Mensch reagieren wird, was er möchte, wann es ihm zu viel ist, ob der Kontakt in die gewünschte Richtung führt. Nicht immer decken sich Aussagen mit den wirklichen Wünschen und Absichten.

Daher die Forderungen, welche die Delta Society, die größte amerikanische Gesellschaft für Tiere im sozialen Einsatz, aufgestellt hat: Um die Intervention mit Hunden im sozialen Dienst professionell zu gestalten, muss der Hundeführer über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, die Einsätze zielgerichtet gestalten und diese dokumentieren. Nur dann kann man von tiergestützter Therapie (besser tiergestützte Intervention) sprechen.

 

Die Autorin geht sogar noch weiter: Um den Einsatz mit Hunden im sozialen Bereich in eine gewinnbringende Lage zu versetzen, müssen Hund und Mensch als Team weitergebildet werden. Die Hund-Mensch-Beziehung muss auf einer Vertrauensbasis gestaltet sein und der Hundeführer muss erlernen, seinen Hund richtig lesen zu können. Darüber hinaus wird klar, dass die Patienten einzeln aufzusuchen sind. In einer „normalen“ Therapie agieren Patient und Therapeut. Das ist für beide Seiten schon anstrengend. Setzt man den Hund als Co-Therapeut ein (denn ein Hund kann nie die Arbeit des Therapeuten übernehmen) so interagiert nicht nur Patient und Hund sondern immer noch Patient und Therapeut. Nebenbei interagieren auch noch Hund und Therapeut. Es ist ein Verhaltenstrias.

Darüber hinaus wird sichtbar, dass ein Hundeführer mit einem Hund in einer Mas-sensitzung nie allen Patienten gerecht werden kann. Der Einsatz eines Hunderudels ist noch fataler, denn dann entgleiten dem Hundeführer die Interaktionen der verschiedenen Hunde mit den verschiedenen Patienten. Der Hundeführer ist nicht mehr Herr der Lage und diese Art von Setting - dtsch. erklären ist nicht selten im Bereich der Besuchshundeführer.


Wenn man den richtigen Umgang in diesem Bereich erlernen kann, wo kann man das erlernen? Wer bildet das aus, welche Voraussetzungen brauche ich? Habe ich den richtigen Hund? Bin ich geeignet? Wie lange dauert das? Wohin kann ich mich wenden?
Welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es speziell für Hund-Mensch-Teams?

Gesetzliche Regelungen gibt es keine, Ausbildungen darf jeder anbieten, ebenso wie sich jeder Hundetrainer nennen darf und auch der Begriff Psychologe ist nicht geschützt. Ebenso ist der Begriff Hundepsychologe, Tiertrainer oder Tiertherapeut ungeschützt. Im schlimmsten Fall – bei einer nicht adäquaten Ausbildung – ist die Situation negativer als vor der Ausbildung. Woran kann man sich orientieren? Hinterfragen Sie die Berufsstände der Ausbilder kritisch. Wer kann ausbilden und warum und welchen Kriterien unterwirft er sich? Ist das wissenschaftlich anerkannt?

Es gibt jedoch internationale wissenschaftliche Gesellschaften, die sich Anforderungen verschrieben haben, die an Ausbildungsinstitutionen gestellt werden. Die Internationalen Gesellschaft für Tiergestützte Therapie (ISAAT) verlangt die Überprüfung von Ausbildungsinhalten und Referenten und fordert neben einer umfangreichen theoretischen Ausbildung Praktikas und eine Abschlussarbeit.

Auf den Einsatz von Hunden im Bereich tiergestützter Interventionen hat sich das Institut für die Hund-Mensch-Beziehung Sachsen (IHMBS) spezialisiert. Das Institut ist von der Internationalen Gesellschaft für Tiergestützte Therapie (ISAAT) anerkannt. Nach der ersten Kontaktierung von Interessenten werden diese mit Ihrem Tier als Hund-Mensch-Team geprüft. Beide Seiten müssen für den Einsatz geeignet sein. Die Eignung wird durch ein interdisziplinäres Team aus Fachleuten geprüft. Nach positivem Eignungsbescheid können die Anwärter eine 18 monatige Ausbildung durchlaufen, die in Leipzig und Umgebung stattfindet und mit einem Zertifikat abschließt, welches den Hundeführer befähigt, in der Ausübung seines Berufes seinen eigenen Hund professionell einzusetzen. Wer in Sachsen wohnt, kann nach Beantragung über die Sächsische Landesbank eine Förderung beantragen, die nach Abschluss der Ausbildung bis zu 80% der Kosten erstattet.

Weitere Informationen zu dieser Ausbildung können sie den anderen Seiten unserer Homepage entnehmen.

 

Für Fragen stehen Ihnen Herr Dr. Ronald Lindner, Tierarzt mit Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie,
Frau Bettina Zwikirsch, Hundetrainerin und in der Ausbildung zur BHV Hundetrainerin, zur Verfügung.

 

 

telefon-banner

 

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.