Praxisbeispiel tiergestützte Intervention

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                       Institut Hund-Mensch-Beziehung Sachsen

 Artikel für die Fachzeitschrift "Ergotherapie und Rehabilitation" (dve) - verfasst von Lena Scheidig


Tiergestützte Interventionen und ihre Potentiale für die Ergotherapie
Tiere sind die besten Freunde.
Sie stellen keine Fragen und kritisieren nicht.
[Mark Twain]


Dr. phil. Lena Scheidig arbeitet als Fachkraft für tiergestützte Intervention zusammen mit ihrer
zertifizierten Therapiebegleithündin „Tarana“. Sie haben die Ausbildung 2016 am Institut für Hund-
Mensch-Beziehungen Sachsen (IHMBS) absolviert und sind seitdem sachsenweit im Team in
verschiedenen Settings und mit unterschiedlichem Klientel tätig, in den letzten Jahren
schwerpunktmäßig im Justizvollzug und mit Menschen im Autismus-Spektrum. Neben ihrer
praktischen Tätigkeit engagiert sich Lena Scheidig auch im Bereich der Forschung und publiziert
Fachliteratur über tiergestützte Intervention (TGI), mit dem Bestreben, eine Entwicklung und
Sicherung von Qualitätsstandards in der Arbeit mit Tieren voranzutreiben.

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Homepage: https://www.lenascheidig.de/


Über TGI im Allgemeinen
Tiergestützte Interventionen (TGI) als Unterstützung in verschiedenen therapeutischen Disziplinen
werden in den vergangenen Jahren zunehmend populärer. Tiere tun uns Menschen
nachgewiesenermaßen gut und üben auf uns eine besondere Faszination aus. Man spricht bei diesem
Phänomen vom Konzept der Biophilie. Der Psychoanalytiker Erich Fromm beschreibt diese in seiner
Anatomie der menschlichen Destruktivität folgendermaßen: „Die Biophilie ist die leidenschaftliche
Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun
um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“1 Die Natur und ihre
Lebensformen bereichern das Leben des Menschen und Mensch-Tier-Begegnungen können Gefühle
sowie sozio-emotionale Prozesse auslösen, die für verschiedene therapeutische Disziplinen eine
gewinnbringende Ergänzung darstellen können.
Der internationale Dachverband für tiergestützte Interventionen IAHAIO (International Association
for Human Animal Interaction Organizations) definiert es wie folgt: „Eine tiergestützte Intervention ist
eine zielgerichtete und strukturierte Intervention, die bewusst Tiere in Gesundheitsfürsorge, Pädagogik
und Sozialer Arbeit einbezieht und integriert, um therapeutische Verbesserungen bei Menschen zu
erreichen.“2 In der TGI wird versucht, Ressourcen und Fähigkeiten beim Menschen über die
Begegnung mit Tieren zu fördern – dabei können insbesondere Menschen gut erreicht werden, die das
Vertrauen in andere Menschen verloren oder Schwierigkeiten im kommunikativen Bereich haben.

Tiere können als Türöffner fungieren, sie selbst kommunizieren unmittelbar und unverstellt und
insbesondere Tiere, die gerne mit Menschen interagieren können so zu einer (spielerischen)
Interaktion motivieren und eine (therapeutische) Kontaktaufnahme erleichtern.
Förderung in unterschiedlichen Bereichen menschlicher Fähigkeiten
Die Ergotherapie beschäftigt sich mit der Förderung und Verbesserung der unterschiedlichen Bereiche
menschlicher Fähigkeiten und unterstützt Menschen dabei, in ihren Handlungsfähigkeiten im Alltag
uneingeschränkt und unabhängig zu sein. Im Mittelpunkt steht dabei eine gesellschaftliche Teilhabe
und die Verbesserung von Lebensqualität, die mit der persönlichen, individuellen Gesundheit
einhergehen. Auch tiergestützte Interventionen zielen in erster Linie auf eine Verbesserung von
Wohlbefinden und Lebensqualität ab und können in Bereichen der Förderung von Selbständigkeit,
Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit oder von Selbstversorgung therapeutisch begleitend sehr gut
eingesetzt werden.
Da insbesondere die sozio-emotionale Ebene in der Begegnung zwischen Mensch und Tier
angesprochen wird, werden dabei dementsprechend emotionale Kompetenzen gefördert, wie etwa die
Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die Stärkung von Selbstbewusstsein, Empathie und
Einfühlungsvermögen, aber auch die Förderung von Ruhe, eine respektvolle Einschätzung von Nähe
und Distanz. Tiergestützte Begegnungen können bestimmte Beziehungs-, Handlungs-, und
Erlebensmuster zutage fördern oder verdeutlichen und so kann beispielsweise auch ein Umgang mit
Ängsten oder Unsicherheiten gut trainiert werden. Der Kindertherapeut Boris M. Levinson beschreibt
bereits in den 1960er Jahren Tiere als soziale Katalysatoren3, da sie sich dem Menschen gegenüber
zunächst neutral verhalten und ihn so akzeptieren, wie er ist. Dadurch wird die Möglichkeit eröffnet,
sich in der Interaktion selbst zu akzeptieren und somit weiterzuentwickeln.
Auf der kognitiven Ebene können insbesondere (nonverbale) Kommunikationsfähigkeiten über die
Begegnung mit einem Tier gefördert werden. Tiere können auch dabei unterstützen und motivieren
motorische oder koordinative Fähigkeiten zu verbessern, wie beispielsweise der Körperbeherrschung
oder der Wahrnehmung des eigenen Körpers als Ganzes. Aber auch die taktile oder propriozeptive
Wahrnehmung kann gezielt geschult werden, was insbesondere für neurologische, also auch für
chirurgische oder orthopädische Patient:innen zur Verbesserung oder Wiedererlangung motorischer
Fähigkeiten von großem Nutzen sein kann. Vor allem in der therapeutischen Behandlung im
geriatrischen Bereich etwa bei Demenz oder nach einem Schlaganfall können Tiere zu positiver
Interaktion und Aufmerksamkeit stimulieren und eine so eine ungeahnte Motivation zur allgemeinen
Aktivierung darstellen.
So ergeben sich unzählige Möglichkeiten, wie sich die Ergotherapie tiergestützte Interventionen
gewinnbringend zunutze machen kann.


Die Notwendigkeit einer fachlichen Ausbildung in der TGI
Natürlich eignen sich nicht alle Tiere für einen tiergestützten therapiebegleitenden Einsatz. Vielmehr
bedarf es seitens des Tieres bestimmter Eigenschaften, die als unabdingbare Voraussetzung verstanden
werden sollten: Das Tier muss zum einen natürlich gesund und unversehrt sein und zum anderen vor
allem gerne in Interaktion mit Menschen treten. Man spricht dabei von prosozialem Verhalten, was
bedeutet, dass die Tiere den Kontakt als ein positives Erlebnis wahrnehmen und ihn auch aktiv suchen.
Dass die Mensch-Tier-Begegnung von allen Beteiligten als etwas Angenehmes erfahren wird, stellt
einen Grundpfeiler von tiergestützter Arbeit dar. Die IAHAIO appelliert nachdrücklich im Einsatz von
Tieren an die Einhaltung folgender Richtlinien: Es sollen nur Heimtiere (keine Wildtiere) eingesetzt
werden, die artgerecht gehalten werden und keinen negativen Einflüssen ausgesetzt sind. Weiterhin
sollte der therapeutische Einsatz von Tieren begründete Erfolgsaussichten haben und es müssen
bestimmte Mindestvoraussetzung garantiert sein für die körperliche und psychische Sicherheit und
Unversehrtheit aller Beteiligten.
Wer aber kann das Wohlbefinden eines Tieres in therapeutischen Settings garantieren bzw. überhaupt
verlässlich einschätzen? Es gibt zunehmend Untersuchungen und Studien die nachweisen, dass
tiergestützte Settings und Begegnungen auf den Menschen positive Effekte haben können. Jedoch
besteht eine sehr mangelhafte Studienlage darüber, wie es den Tieren in ihren Arbeitseinsätzen ergeht.
Eine weitere Schwierigkeit in diesem Zusammenhang besteht darin, dass Wohlbefinden eine Größe
ist, die wissenschaftlich generell schwer messen bzw. nachweisen lässt und sich situativ sehr schnell
verändern kann.
Wie können wir also tierschutzgerechtes Arbeiten gewährleisten? Leider gibt es in Deutschland derzeit
noch keine einheitlichen, allgemeingültigen oder rechtlich geschützten Vorgaben zum
therapiebegleitenden Einsatz von Tieren. Dementsprechend gibt es auch keine einheitlichen
Richtlinien für Ausbildungsinstitute, für die Eignung der auszubildenden Fachkräfte oder der
eingesetzten Tiere.4 TGI als therapiebegleitende Maßnahme ist noch nicht staatlich anerkannt bzw. von
den Krankenkassen gefördert, was leider dazu führt, dass es auch Ausbildungsangebote gibt, die nicht
unbedingt den notwendigen Standards für einen professionellen Einsatz von Tieren folgen. Der
Bundesverband für tiergestützte Intervention (BTI), sowie der europäische und der internationale
Verband für tiergestützte Therapie (ESAAT und ISAAT5) bemühen sich in diesem Bereich in
Hinblick auf die Schaffung eines einschlägigen Berufsbildes um eine Entwicklung von
vereinheitlichten Kriterien für entsprechende Richtlinien für Aus- und Weiterbildungen, sowie eine
Sicherung von Qualitätsstandards in der Arbeit mit Tieren, mit dem Ziel, die TGI als anerkannte
Therapieform zu etablieren.
Um also einen professionellen therapiebegleitenden Einsatz eines Tieres gewährleisten und dessen
Wohlbefinden, Bedürfnisse und Einsatzmöglichkeiten überhaupt einschätzen zu können ist eine gute
fachliche Ausbildung unbedingt notwendig, die sich sowohl am aktuellen Wissensstand von Ethologie,
Veterinärmedizin und Psychologie orientiert und dementsprechend sowohl theoretisch fundierte als
auch und praxisorientierte Inhalte vermitteln kann. Von ISAAT oder ESAAT zertifizierte Institute,
die Weiterbildungen zur Fachkraft für tiergestützte Intervention anbieten sind in Deutschland
beispielsweise die Alice Salomon Hochschule in Berlin mit dem Zertifikatskurs „Tiergestützt und
tiergeschützt“, das Institut für soziales Lernen mit Tieren in Lindwedel oder das Institut für
systemische und tiergestützte Therapie (IstT) in Marl. Einzigartig in Deutschland ist die
Fachkraftausbildung in Kombination mit einer Zertifizierung zum Therapiebegleithundteam beim
Institut für Hund-Mensch-Beziehungen Sachsen (IHMBS) in Leipzig/ Markkleeberg.
Der therapiebegleitende Einsatz von Tieren kann für alle Beteiligten eine bereichernde oder gar
heilsam erlebte Begegnung darstellen, wenn diese auf der Basis eines profunden und umfassenden
Wissens über die Fähigkeiten, Grenzen und vor allem das Wohlbefinden des eingesetzten Tieres
professionell gestaltet wird.


Hunde als Meister der sozialen Interaktion
Alle beide, Hund und Katze, sind reich an Tugenden und Talenten,
doch der Hund hat ein Talent zuviel: Er lässt sich dressieren.
Und er hat eine Tugend zu wenig: Er ist ein Tier ohne Geheimnisse.
[Erich Kästner]


Besonders gut eignen sich Hunde für die TGI, da sie nachweislich gerne mit Menschen interagieren
und sich die Interaktion zwischen Hund und Mensch auf einem guten Forschungsstand befindet.
Hunde leben seit über 20.000 Jahren mit uns zusammen und haben in einem stressfrei und positiv
erlebtem Umfeld in der Regel Freude an der Kooperation mit Menschen. Sie trainieren und arbeiten
gerne und besitzen einen so genannten „will to please“, was bedeutet, dass Hunde als obligat soziale
Wesen dem Menschen gefallen und ihm Vertrauen schenken wollen. Weiterhin verfügen sie über eine
enorm hohe Anpassungsfähigkeit und sind so in der Lage, enge Bindungen einzugehen. Aufgrund von
jahrtausendelanger Domestikation und einem engen Zusammenleben mit dem Menschen haben sie
eine sehr fein ausgeprägte Wahrnehmung für menschliche Kommunikation und Stimmungen und
können sich somit sehr gut in der Interaktionen mit unterschiedlichen Individuen anpassen. Als soziale
Lebewesen besitzen Hunde und Menschen in Bezug auf komplexes Sozialverhalten eine ähnlich
angelegte Gehirnstruktur und dadurch ähnliche emotionale und soziale Grundbedürfnisse. So ist es
möglich, dass zwischen ihnen von beiden Seiten aus stabile und positiv erlebte lebenslange
Beziehungen entstehen können.6
Du-Evidenz und Spiegelneuronen
In diesem Zusammenhang spielt auch die so genannte Du-Evidenz eine wichtige Rolle. Sie bezeichnet
die Fähigkeit, ein anderes Lebewesen als ähnlich empfindendes Subjekt wahrzunehmen und eine
empathische Vorstellung davon zu haben, wie das andere Individuum fühlen, denken oder auch
handeln könnte. Basierend auf dem Konzept der Du-Evidenz stimmen wir unser eigenes Handeln ab
und so entstehen wechselseitige Beziehungen. Der Vorteil dabei ist, dass die Du-Evidenz nicht
unbedingt erwidert werden muss, sondern auch einseitig erlebt werden kann. Durch das reine
Beobachten eines Tieres können einerseits kognitive und sozio-emotionale Prozesse ausgelöst werden,
darüber hinaus aber auch positive physiologische Reaktionen einsetzen. So können sich
nachgewiesenermaßen bereits bei kurzfristigen Kontakten mit Hunden verschiedene Wirkpotentiale
entfalten, und auch die bloße Anwesenheit eines Hundes wird oft als erfreuliche und bereichernde
Situation erlebt und kann das (gesundheitliche) Wohlbefinden und die Lebensfreude des Menschen
erhöhen oder reaktivieren, aber auch eine stressreduzierende, blutdrucksenkende und somit
entspannende Wirkung haben.7 Es gibt beispielsweise Studien die nachweisen konnten, dass Kinder im
Autismus-Spektrum in Anwesenheit eines Hundes ein höheres Interesse an sozialer Interaktion
zeigen8. Weitere Studien zu Einsätzen von Hunden in Alten- und Pflegeheimen9 konnten aufzeigen,
dass sich sowohl die Länge von Gesprächen als auch andere soziale Interaktionen erhöhen. In der
Begegnung mit einem Hund können also sozio-emotionale oder kognitive Prozesse, wie die
Empathiefähigkeit eines Menschen angesprochen werden. Die darauf aufbauenden weiteren
Wirkungsmöglichkeiten können sehr vielfältig sein - ebenso wie es auch die individuelle
Beziehungsgestaltung zweier sich annähernder Individuen ist.
In Zusammenhang mit der Empathiefähigkeit, die durch die Du-Evidenz angeregt wird, steht auch das
Konzept der Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Gehirn durch bloßes
Beobachten eines Vorgangs ähnliche Reize auslösen, als würde man diesen selbst ausführen. Die
Reaktion von Spiegelneuronen geschieht automatisch und ohne intellektuelle Bewertung oder
Steuerung, sodass das Individuum dadurch in der Lage ist, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt
eines anderen Individuums hineinzuversetzen und dessen Stimmungen empfinden und übernehmen
kann. Bei Hunden scheinen diese besonders gut ausgeprägt zu sein: Sie spiegeln menschliches
Verhalten in Begegnungen direkt wider, was als einer der relevantesten Wirkfaktoren in der TGI zu
verstehen ist.


Beispiele positiver Effektmöglichkeiten von TGI für die Ergotherapie
Basierend auf dem Konzept der Spiegelneuronen können sich also in einer tiergestützten Intervention
in zweierlei Richtungen positive Effekte entfalten: Es kann auf den Menschen beruhigend,
entspannend oder stressreduzierend wirken, einen schlafenden oder ruhenden Hund zu betrachten oder
gar zu streicheln (bei Berührung kommt es vermehrt zur Ausschüttung des so genannten
„Kuschelhormons“ Oxytocin) - es kann aber auch aktivierend und anregend wirken einen spielenden
Hund zu beobachten oder gar in das Spiel involviert zu sein.
Auf der anderen Seite kann das Spiegeln des Hundes von menschlichem Verhalten ein Gefühl der
Seelenverwandschaft oder eines unausgesprochenen tiefen Verständnisses evozieren. So kann die
Möglichkeit geschaffen werden, über den Hund als direktem Spiegel Verhalten und Reaktionen zu
verdeutlichen und daran therapeutisch anzuknüpfen. Es können darüber beispielsweise auch Geduld
und Frustrationstoleranz, Impulskontrolle oder Affektregulation geübt oder sensibilisiert werden, was
möglicherweise insbesondere für psychiatrisches Klientel gewinnbringend sein könnte.
Sie schreibt zum Beispiel darüber, wie durch das Kontaktliegen mit einem Hund oder Streicheln eines
Hundes die Tonusregulation beeinflusst und sich durch die Erhöhung der Körperwärme
Stressreduktion und Entspannung auftreten, die sich beispielsweise positiv auf
Bewegungseinschränkungen wie Spastiken oder Lähmungen auswirken kann.10

Die Möglichkeiten für den Einsatz eines Hundes im Fachbereich der Pädiatrie sind offenkundig und
vielgestaltig. Allein durch die Anwesenheit eines Hundes kann zum Beispiel die Motivation für
kognitive Leistung, Gedächtnis- und Konzentrationsübungen gesteigert werden – Hunde gelten im
Allgemeinen als geduldige Zuhörer, die bei Lese-, Sprach- oder Schreibübungen für Kinder mit Lese-
Rechtschreibschwächen eine positive und beruhigende Unterstützung darstellen können. Abschließend
sei an dieser Stelle noch auf den möglicherweise effektivsten, gleichzeitig aber auch am schwierigsten
mess- oder nachweisbaren positiven Effekt von Hund-Mensch-Interaktionen hingewiesen: Das Erleben
von Selbstwirksamkeit und die Stärkung des Selbstbewusstseins. Beispielsweise kann bei Kindern und
Jugendlichen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen, die häufig unter einem geringen
Selbstwertgefühl leiden, das bloße Führen eines Hundes an der Leine ihnen ganz unvermittelt ihre
eigenen Kompetenzen bewusst werden lassen und stärken. Im Spiel oder auch im Üben von kleinen
Tricks mit einem Hund erfahren Menschen ihre eigene Selbstwirksamkeit, was wiederum langfristig
auch zur Stärkung des Selbstbewusstseins beitragen kann und in jedem Fall im direkten Erleben eine
große Freude bereitet.
Weiterführend beschreibt Anja Junkers in ihrem Buch über Tiergestützte Therapie: Der Hund als Co-
Therapeut in der Ergotherapie ausführlich weitere mögliche Wirkeffekte im physischen,
neuropsychologischen, sozio-emotionalen und psychischen Bereich sowie im Bereich der Kognition
und Sprache.
Mit einem professionellen geführten therapeutischen Einsatz von Hunden und anderen Tieren sind also
der ergotherapeutischen Kreativität in ihrer Behandlung und ihren Erfolgen keine Grenzen gesetzt und
die vielgestaltigen Wirkpotentiale können in positiven Begegnungen zwischen Tier und Mensch für
alle Beteiligeten eine bereichernde Erfahrung mit vielversprechenden therapeutischen Effekten
darstellen.

1 Fromm E. Anatomie der menschlichen Destruktivität. Hamburg: Rowohlt-Verlag, 2015 (Erstauflage 1973). S. 411ff.
2 IAHAIO „White Paper“ in deutscher Übersetzung von Beetz, A., Olbrich, E. Weissbuch 2014. Definitionen der
IAHAIO für Tiergestützte Interventionen und Richtlinien für das Wohlbefinden der beteiligten Tiere.
https://iahaio.org/wp/wp-content/uploads/2017/05/iahaio-white-paper-2014-german.pdf. (04.02.2020)

3 Vgl. hierzu Boris M. Levinson The dog as a „co-therapist“. In: Mental Hygiene 46 (1962). S. 59-65 oder Pet-Oriented
Child Psychotherapy (1969)

4 Vgl. hierzu beispielsweise Sandra Wesenberg Tiere in der Sozialen Arbeit. Mensch-Tier-Beziehungen und tiergestützte
Interventionen (2020).
5 ESAAT = European Society for Animal Assisted Therapy, ISAAT = International Society for Animal Assisted
Therapy

6 Vgl. hierzu beispielsweise Kurt Kotrschal Hund & Mensch. Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft (2016)

7 Vgl. hierzu beispielsweise Monika A. Vernooji und Silke Schneider Handbuch der Tiergestützten Intervention.
Grundlagen, Konzepte, Praxisfelder (2013).
8 Grandgeorge M, Tordjman S, Lazartigues A, Lemonnier E, Deleau M, u. a. Does Pet Arrival Trigger Prosocial
Behaviors in Individuals with Autism? In: PLoS ONE 7 (2012), Nr 8.
9 Vgl. beispielsweise Virues-Ortega et al. (2012) oder Sandra Wesenberg (2013)

10 Vgl. hierzu beispielsweise Anja Junkers Tiergestützte Therapie: Der Hund als Co-Therapeut in der Ergotherapie (2013)
Literaturverzeichnis für weiterführende Literatur
Levinson, B. M. The dog as a „co-therapist“. In: Mental Hygiene 46 (1962). S. 59-65
Levinson, B. M. Pet-Oriented Child Psychotherapy (1969)
Buytendijk F. Mensch und Tier. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1958.


Fromm E. Anatomie der menschlichen Destruktivität. Hamburg: Rowohlt-Verlag, 2015.
Germann-Tillmann T, Merklin L, Stamm Näf A. Praxisbuch zur Förderung von Interaktionen
zwischen Mensch und Tier. Bern: Hogrefe, 2019 (2. Auflage).
Grandgeorge M, Tordjman S, Lazartigues A, Lemonnier E, Deleau M, u. a. Does Pet Arrival
Trigger Prosocial Behaviors in Individuals with Autism? In: PLoS ONE 7 (2012), Nr 8.
Julius H, Beetz A, Kotrschal K, Turner D.C, Unväs-Moberg K. Bindung zu Tieren – Psychologische
und neurobiologische Grundlagen tiergestützter Interventionen. Bern: Hogrefe. 2014.
Junkers A. Tiergestützte Therapie: Der Hund als Co-Therapeut in der Ergotherapie (Spektrum
Ergotherapie). Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, 2013
Kotrschal, K. Hund & Mensch. Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft. Wien/ München:
Brandstätter Verlag, 2016.
Virués-Ortega, J., Pastor-Barriuso, R., Castellote, J. M., Población, A. & de Pedro-Cuesta, J.
(2012): Effect of Animal-Assisted Therapy on the Psychological and Functional Status of
Elderly Populations and Patients with Psychiatric Disorders: A Meta-Analysis. Health
Psychology Review, 6, S. 197–221
Wesenberg, S. (2013): Tiergestützte Interventionen in Psychiatrie und Psychotherapie. Verhaltenstherapie
und Psychosoziale Praxis, 45, S. 111–122.
Wesenberg S. Tiere in der Sozialen Arbeit. Mensch-Tier-Beziehungen und tiergestützte
Interventionen. Stuttgart: Kohlhammer, 2020.
IAHAIO „White Paper“ in deutscher Übersetzung von Beetz, A., Olbrich, E. Weissbuch 2014
Definitionen der IAHAIO für Tiergestützte Interventionen und Richtlinien für das Wohlbefinden der
beteiligten Tiere. https://iahaio.org/wp/wp-content/uploads/2017/05/iahaio-white-paper-2014-
german.pdf. (04.02.2020)
Otterstedt C, Olbrich E. Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten
Pädagogik und Therapie. Stuttgart: Kosmos, 2003.
Vernooji, M. A, Schneider S (2013). Handbuch der Tiergestützten Intervention. Grundlagen,
Konzepte, Praxisfelder. Wiebelsheim: Quelle & Meyer, 2013.

 

Hundgestützte Intervention im Strafvollzug:
„Mopsfidel und Pudelwohl“ – ein Pilotprojekt der JVA Dresden

Ein Praxisbericht von Lena Scheidig

Dass Tiere auf das Wohlbefinden und die Gesundheit eine positive Wirkung haben ist unbestritten und wird seit einigen Jahren in verschiedenen Projekten und Studien zunehmend untersucht. Der Kontakt zu Tieren bewirkt beim Menschen unterschiedliche positive soziale, physische und psychische Effekte, die es noch hinreichend nachzuweisen gilt.

In der JVA Dresden wurde für das Jahr 2017 ein zwölfmonatiges Pilotprojekt für männliche Strafgefangene mit einer langen Haftzeit ins Leben gerufen: Von Januar bis Dezember sind dort einmal wöchentlich abwechselnd zwei zertifizierte Therapiebegleithunde-Teams für eineinhalb Stunden im Einsatz (Polli Hornung mit Brezel und Lena Scheidig mit Tarana). Das Projekt wird von der Sozialpädagogik der TU Dresden begleitet und durch eine Evaluation soll die Erreichung der formulierten Ziele geprüft werden.

Die tiergestützte Intervention in der JVA Dresden verfolgt für die Gefangenen vier zentrale Zielstellungen, nämlich die Steigerung des emotionalen Wohlbefindens, die Förderung von Interaktion und Kommunikation, die Verbesserung sozialer Kompetenzen sowie die Aktivierung und Förderung der Mitarbeitsbereitschaft. Im Zentrum steht also sowohl das individuelle Befinden als auch Effekte auf interaktioneller Ebene, das heißt die Förderung sozialer Kompetenzen, die bei vielen Gefangenen nach einer langen Haftzeit einer Regeneration bedürfen.

Von Anfang an verlief der Kontakt zwischen den Therapiebegleithunde-Teams und den fünf Teilnehmern sehr positiv und unkomplizierter als erwartet. Die Teilnehmer zeigten sich den Hunden gegenüber sehr liebevoll und empathisch und auch die Hunde traten den Teilnehmern „unvoreingenommen“ gegenüber. Die beiden sind von ihrem Wesen sehr unterschiedlich, was sich auf die Maßnahme positiv auswirkt, da sie die Teilnehmer in unterschiedlichen Bereichen aktivieren können: Brezel ist eine fünfjährige Golden-Retriever-Hündin und Tarana ein kleiner dreijähriger Dackel-Terrier-Mischling. Auch wenn einige der Teilnehmer bei einer Evaluation geäußert haben, dass sie sich im Projekt auch stärkere Hunderassen wünschen würden (etwa einen Schäferhund oder Rottweiler), haben alle in kürzester Zeit eine gute Beziehung zu beiden Hündinnen aufgebaut.

Obwohl für die Hunde die Eindrücke in der JVA anstrengend sein müssen, freuen sie sich immer sichtlich beim Zusammentreffen mit den Teilnehmern und führen mitunter regelrechte Freudentänze auf. Die Tiere müssen zuerst durch lange, hallende Gefängnisgänge laufen, wo sie auch auf andere Gefangene und Bedienstete treffen. In den Einheiten werden Brezel und Tarana dann ausführlich gestreichelt und gekrault, was sowohl für die Teilnehmer als auch für die Hunde das Highlight zu sein scheint. In den ersten Monaten haben die Fachkräfte in Absprache mit den Teilnehmern verschiedene Theorieeinheiten zu Themen wie Hundesprache, Lernverhalten oder Signalaufbau vorbereitet. Daneben gibt es bei jedem Treffen mehrere kleine Gruppenübungen, welche die Zusammenarbeit, Empathiefähigkeit und verschiedene soziale Kompetenzen ansprechen sollen: Zum Beispiel die Weitergabe eines Leckerchens im Kreis mit unterschiedlichen Instrumenten (Besteck, Kochlöffel, Essstäbchen, ...) oder Tarana klettert bei den Teilnehmern von Schoß zu Schoß. Besonders das Blindenhund-Spiel erfordert eine hohe Vertrauensbereitschaft der Teilnehmer zum Tier wie auch untereinander, bei dem sich einer mit verbundenen Augen vom Hund führen lässt, der wiederum von einem anderen gelockt wird. Die Bereitschaft der Gefangenen sich auf solche „Spielchen“ einzulassen ist nicht selbstverständlich, dennoch bedarf es meistens keiner hohen Überredungskunst seitens der Fachberaterinnen.

Über die zweite Hälfte des Jahres werden die Teilnehmer mit den Hunden „Einzelzielsetzungen“ einüben, die sie sich selbst überlegt haben, wie zum Beispiel verschiedene Kommandos oder Tricks einstudieren oder einen Agility-Parcours.

Die Bediensteten der JVA haben den Fachberaterinnen gegenüber schon häufig geäußert, dass sie die Gefangenen manchmal gar nicht wiedererkennen. Der Umgang der Teilnehmer untereinander ist zunehmend freundschaftlich geworden, die Stimmung während der Einheiten ist immer entspannt und es wird viel gewitzelt und gelacht. Namentlich bei einem Teilnehmer scheint sich auch schon außerhalb der Maßnahme ein „messbarer“ Effekt abzuzeichnen: Nachdem er sechs Jahre lang die Zusammenarbeit mit seinem Psychologen verweigert hat, ist er nun offenbar zunehmend gesprächsbereiter und der Psychologe macht seine Termine mit ihm nur noch nach dem wöchentlichen Hundebesuch.

Inwiefern die Zielstellungen der Maßnahme über einen längeren Zeitraum erreicht werden können und vor allem, ob in den sozialen Kompetenzen, welche die langstrafigen Gefangenen innerhalb der Einheiten ganz eindeutig aufweisen können, auch außerhalb der Maßnahme eine langfristige Verbesserung eintritt, wird sich zeigen. Fest steht, dass der wöchentliche Hundebesuch dem individuellen emotionalen Wohlbefinden der Gefangenen gut tut und auch für die Hunde sichtlich eine Freude ist.  

 

 

 

 

 

 

"Besonderheiten in der Kommunikation zwischen Mensch und Hund"

 Auszug aus der Belegarbeit von Frau Lena Scheidig (mit Hündin Tarana)

 

 

Zusammenfassendes Fazit: Der Hund als Kommunikationshelfer

„Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.“ [Hildegard von Bingen]

...
All diese Beispiele veranschaulichen meines Erachtens die höchst positive und fördernde Wirkung
der Besonderheiten der zwischenartlichen Kommunikation von Mensch und Hund sehr deutlich.
Sogar (oder vielleicht gerade) bei einem Menschen mit Asperger-Autismus (einer Diagnose, die
dem Patienten/ der Patientin eine Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung mit
entsprechenden Entwicklungseinschränkungen im Kommunikationsverhalten zuschreibt), der
zusätzlich ausgesprochene Angst vor Hunden hat, konnten innerhalb kürzester Zeit im Kontakt mit
Tarana überzeugende Fortschritte und eine sehr positive Wirkungen beobachtet werden. Aus meiner
Sicht war die Interaktion zwischen dem Klienten und dem Hund so unkompliziert, dass für mich
mitunter weder die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) noch die Angst überhaupt erkennbar waren. Dies
sind natürlich lediglich Momentaufnahmen. Es ist meiner Meinung nach schwierig, die positive
Wirkung der Tiergestützten Intervention nachzuweisen, da sie sich zu einem großen Teil auf den
sozioemotionalen Bereich auswirkt und das allgemeine Wohlbefinden des Menschen betrifft.
Darüber dauerhaft messbare Aussagen zu treffen ist wahrscheinlich schwer möglich. Jedoch konnte
ich in eben diesen Momenten im Kommunikationsverhalten des Klienten kaum Defizite ausmachen
– ob das an der Anwesenheit des Hundes lag, kann ich leider nicht beurteilen, da ich ihn nicht gut
genug kenne bzw. nur einmal ohne den Hund erlebt habe. Unbestritten ist aber die große Freude, die
ihm unsere Treffen bereitet haben. Ein Ergebnis, dass gerade in der kurzen Zeit (es gab nur drei
Begegnungen mit Tarana) insbesondere im Hinblick auf seine Hundeangst als äußerst positiv
gewertet werden kann.
Obwohl Menschen und Hunde in ihrem kommunikativen Verhalten einerseits sehr unterschiedlich
sind, weisen sie auch gewisse Ähnlichkeiten auf, wie beispielsweise der ungarischen
Verhaltensbiologe József Topál hat 2011 in einer Studie aufgezeigt hat (Dogs' Gaze Following Is
Tuned to Human Communicative Signals veröffentlicht in Current Biology26). Hunde reagieren auf
die gleichen kommunikativen Signale wie Säuglinge und Kinder im Alter von sechs Monaten bis
zwei Jahren. Sie folgen ähnlich wie Kinder den Gesten und Blicken des Menschen nachdem sie
vorher (am besten mit einer hohen Stimme) angesprochen und Blickkontakt hergestellt wurde.
Auch in der Zusammenarbeit mit Kindern mit ASS sind mir gewisse Ähnlichkeiten in den
Kommunikationsfähigkeiten und -bedürfnissen von Hunden und Menschen aufgefallen, so zum
Beispiel das Bedürfnis nach einem stabilen Partner, der Sicherheit bietet. Sowohl für einen Hund als
für einen autistischen Menschen ist es als Basis einer erfolgreichen Kommunikation sehr wichtig
(bzw. förderlich), einen (Kommunikations-)Partner zu haben, der sich klar ausdrückt und dadurch
eine gewisse Verlässlichkeit vermittelt. Für die Tiergestützte Intervention und therapeutische
Maßnahmen in dieser Kombination stellt dieses gemeinsame Bedürfnis meines Erachtens einen
beachtlichen Vorteil dar.
Ferner haben Menschen mit ASS Schwierigkeiten, Blickkontakt aufzubauen oder ihm standzuhalten
und es ist ihnen in der Regel unangenehm, jemandem in die Augen zu schauen. Auch Hunde halten
nicht gerne länger Blickkontakt, da dies in ihrer innerartlichen Kommunikation eine Drohgebärde
darstellt (Drohfixieren).
Insbesondere an meinem eigenen Hund Tarana sind mir weiterhin Ähnlichkeiten bezüglich der
Bedürfnisse im Bereich von Nähe und Distanz aufgefallen: Menschen mit ASS mögen nicht gerne
von Fremden oder Unbekannten berührt werden und können schwer mit der Unterschreitung ihrer
Individualdistanz umgehen. Auch Tarana weicht den Berührungen von fremden Menschen mitunter
aus und kommuniziert gegenüber anderen Hunden deutlich, wenn diese ihre Individualdistanz
unterschreiten. Auch dies stellt in der Hundgestützten Intervention mit Menschen mit ASS eine
günstige Grundlage dar, ihnen das Gefühl zu vermitteln, in dem Hund einen Verbündeten oder
Vertrauten zu haben, der Verständnis für ihre eigenen Bedürfnisse hat.
In der tiergestützten Intervention mit Menschen mit ASS dient der Hund somit in verschiedener
Hinsicht als Kommunikationshelfer: Er kann im Bereich der Angst und Unsicherheit vor
unbekannten Situationen unterstützend wirken und ein Gefühl der Sicherheit vermitteln oder als
Verbündeter erscheinen. Ferner stimuliert er die Kommunikation auf der Ebene der Sprache
generell und insbesondere für den Förderbereich der nonverbalen Kommunikation ist er hilfreich.
Der Hund spiegelt dem Menschen sein Verhalten direkt wider, da er unmittelbar in Bezug auf die
Situation (bzw. Körpersignale) reagiert. Nicht zuletzt erlebt der Mensch im Kontakt mit dem Hund
seine eigene Selbstwirksamkeit, was wiederum zur einer Stärkung des Selbstbewusstseins beiträgt
und in jedem Fall nachweislich eine große Freude bereitet.

...

 

Bei Interesse kann die gesamte Arbeit am Institut eingesehen werden werden

 

Auszüge aus der Belegarbeit von Frau Polli Hornung (mit Hündin Brezel)

"Tiergestützte Intervention bei frühgeborenen Kindern (sog. Frühchen) im Kleinkind- und Vorschulalter"

 

... Diskussion

I. Was spricht für den Einsatz der TGI bei frühgeborenen Kindern

 

Eine positive Beziehung zu den engen Bezugspersonen ist meines Erachtens die Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Kindern. Nähe, Liebe und Geborgenheit sind zum Aufbau einer Beziehung neben einer gut funktionierenden Kommunikation und Interaktion von entscheidender Bedeutung. Nur wer "eine gemeinsame Sprache" spricht, kann sich abstimmen und hat eine Basis für den Aufbau einer stabilen, belastbaren Beziehung.

Tiergestützte Intervention mit einem Hund kann ein wirksamer Ansatz zu einer positiven Beziehungsgestaltung für das ganze Familiensystem sein.

 

Die Anwesenheit eines ausgebildeten Hundes in der Familie wirkt entspannend, kann Grenzen auflösen und entkrampfen. Er erleichtert den Austausch und die Kommunikation untereinander.

 

 

Eltern von Kindern mit "Entwicklungsverzögerungen" können aufgrund zahlreichen Belastungen, Sorgen und Nöte, die ihren Alltag begleiten und beeinflussen unausgeglichen und überfordert sein oder Schwierigkeiten haben, zur Ruhe zu kommen.

Andere Familienmitglieder kommen so auch in den "Genuss" eines Kontaktes mit dem Therapiebegleithund. So bekommt auch der "Rest" der Familie ein wertschätzendes Gefühl, der Hund nimmt auch diese an, wie sie sind.

Ihm ist egal ob Eltern "Fehler" machen, unausgeglichen sind oder Geschwisterkinder vielleicht "eifersüchtig" (auf die vermehrte Aufmerksamkeit, die Kindern mit Entwicklungsverzögerungen oftmals bekommen) sind. Der Therapiebegleithund wird trotzdem, vielleicht sogar deswegen Kontakt suchen und ihnen ebenfalls positive Erlebnisse ermöglichen.

 

In der Gesellschaft von Hunden entstehen Gefühle von Nähe und Geborgenheit. Hunde stellen keine Bedingungen oder Erwartungen  und haben keine Vorurteile.

Hunde spüren, wem der Kontakt gut tut und wenden sich deshalb oft diesen Kindern und Familien zu.

Das Kind kann sich so zeigen und geben, wie es ist und Gefühle müssen nicht versteckt werden. Hunde geben Kindern Selbstvertrauen; sie werden von ihm akzeptiert wie sie sind.

 

Der Einsatz von TGI in der Entwicklungsförderung lässt sich nicht auf einen Bereich reduzieren, sondern er spricht die ganzheitliche Förderung der Kinder an.

Die zahlreichen positiven Wirkfaktoren bedingen und beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln so eine ganz eigene, spezifische, positive Dynamik und bilden die Basis für die soziale Integration und ganzheitliche Entwicklung des Kindes. Ein Beispiel dafür ist die einzigartige Möglichkeit der Förderung sozio-emotionalen Kompetenzen über die nonverbale Kommunikation und durch das sofortige und ehrliche Spiegeln und Reagieren des Hundes.

 

Die wichtigsten Faktoren, die meiner Meinung nach am nachhaltigsten und effektivsten zum Tragen kommen, sind:

 

  • Förderung der Kommunikation und Interaktion, u.a. durch die klare und authentische analoge Kommunikation
  • Kontakt zu Hunden führt zu "sprachlicher Gelassenheit", Erwartungsdruck fällt von den Kindern ab und sie reagieren auf die Aktionen des Hundes mit eigener Interaktion und Kommunikation, die sich in den unterschiedlichsten Formen zeigen kann
  • Förderung von sozio-emotionalen Kompetenzen wie Steigerung von Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Selbstwertgefühl, Beachten und Einhalten von Grenzen und Regeln sowie Rücksichtnahme, Wertschätzung und Bindungsfähigkeit
  • dierektes "Ansprechen" der Emotionen
  • Anregung zur Eigenaktivität und Übernahme von Verantwortung
  • Möglichkeit zur Schulung und Differenzierung der Wahrnehmung
  • Förderung von kognitiven Komponenten wie Konzentration, Ausdauer und Aufmerksamkeit
  • hoher Aufforderungscharakter und Motivation durch gemeinsames positives Erleben, Spass an der Interaktion und dem Kontakt mit dem Hund (Anreiz und Motivation, sich zu bewegen, Kontakt herzustellen und mit der Umwelt zu interagieren)

 

"Wichtig ist, dass die Therapie den Kindern Spass macht. Spass bringt Motivation und Motivation erleichtert das Durchhalten und die Bereitschaft, hart an sich zu arbeiten, was wiederum eine wesentliche Voraussetzung für den Therapieerfolg ist." ( Verbandsmagazin Frühgeborene vom 15.06.2011, Vorwort von H.-J. Wirthl, Vorstandsvorsitzender des Bundesverband "Das frühgeborene Kind" e.V.)

 

2. Auszug

aus: Tiergestützte Intervention bei frühgeborenen Kindern (sog. Frühchen im Kleinkind- und Vorschulalter)
Abschlussarbeit von Polly Hornung zur Erlangung der Zusatzbezeichnung „Fachmentor für tiergestützte Intervention (Hund)“

„Ein frühes Überleben hat seinen Preis. Nicht immer gelingt es, die Frühchen gesund und stark ins Leben zu schicken“, so der Entwicklungspsychologe Prof. Dieter Wolke von der University of Warwick.
Unterschiedlichste Studien zeigen, dass die mangelhafte Entwicklung des Gehirns bei einem Teil der Kinder kaum mehr aufzuholen scheint. Jedoch, und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, hilft v.a. eine gezielte Förderung.
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Kinder beginnen, im Vorschulalter sich als eigenständige Person wahrzunehmen. In diesem Alter wird begonnen, Zusammenhänge zu erfassen, Regeln zu verstehen und zu befolgen. Gefühlszustände und -äußerungen anderer werden nach und nach bewusst und es kann darauf reagiert werden. Hier kann der Hund als konkreter, sofortiger Übermittler und Spiegel von Gefühlszuständen als „Übungsobjekt“ dienen, das immerwieder wertfrei den Kontakt sucht und auf die Kinder zugeht.

Dr. Nina Gawehn, Psychologin im Sozialpädiatrischen Zentrum/Neuropädiatrie, Klinikum Dortmund GmbH und Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie in Bochum betont „Frühgeborene mit Aufmerksamkeitsstörungen sollten eine spezifische und individuelle Aufmerksamkeitsförderung erhalten …“ …und „Die Vielfalt der möglichen Folgen macht eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Entwicklung Frühgeborener notwendig“.
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Der Kontakt mit einem ausgebildeten Therapiebegleithund bietet die Möglichkeit, gleichzeitig und effektiv an mehreren entscheidenden Komponenten wie: Aufmerksamkeit und Konzentration, Motivation und Spielausdauer, Schulung sozialer Kompetenzen und gezielte Körperwahrnehmung sowie dem Vermitteln von Entspannungstechniken zu arbeiten.
Tiergestützte Intervention bei Frühchen entspricht den Grundprinzipien der Frühförderung. Sie fördert das Kind ganzheitlich, orientiert sich sehr stark an der Familie, verhilft durch Stärkung der Kommunikation und Interaktion und der damit verbundenen Förderung der sozial-emotionalen Beziehungen der Kinder und hilft Ihnen somit, sich sozial zu integrieren.
Wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz eines Mensch-Hund-Teams ist, dass das Kind sich wohl fühlt und sein Umfeld gut beraten und betreut wird. Gemeinsame Ziele sollten schriftlich vereinbart und regelmäßig überprüft werden.
Kinder sollten die Möglichkeit haben, mit Tieren aufzuwachsen. Dafür ist es nicht notwendig, dass sich jede Familie ein eigenes Haustier anschaffen muss, sondern, dass den Kindern Zugang und Kontakt zu Tieren ermöglicht wird.
Die tiergestützte Intervention ist ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem gezielt Mensch-Tier- und Mensch-Mensch-Interaktionen herbeigeführt werden können und der die Ressourcen stärkt.

Allgemein Einsatz der TGI in der Arbeit mit Frühchen

Wie in den Grundlagen festgestellt, ist der Einsatz von Tieren in der Frühförderung allgemein nicht üblich.
Nur sehr selten findet man dieses methodische Angebot in den Frühförderstellen oder SPZs.

Daher liegt es in den Händen der Eltern, wenn sie die TGI als sinnvolle Ergänzung zum Angebot der „institutionellen“ Frühförderung in Betracht ziehen, sich auf die Suche nach einem entsprechenden Anbieter zu machen.
Die momentanen Angebote zur Nachbetreuung von Frühchen konzentrieren sich größtenteils auf die körperliche Entwicklung des Kindes, selten auf die psychische und psychosoziale Situation der Eltern und auf die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und die Allgemeinsituation des gesamten Familiensystems.
Die Eltern-Kind-Beziehung ist (laut von der Wense und Bindet) der entscheidende Faktor für die seelische Gesundheit und soziale Integration des frühgeborenen Kindes.

1 Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/voegelchen-flieg.740.de.html?dram:article_id=111837
2 Quelle: http://www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2009/msg00172.htm

  ardeche2015 248

Bei Interesse kann die gesamte Arbeit am Institut eingesehen werden werden

 

 

 

 

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